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Haltung im Leben und in der Arbeitswelt

Was ist mit Haltung gemeint?

„Haltung“ ist ein Begriff, der derzeit sehr häufig verwendet wird. So häufig, dass sich manche bereits darüber lustig machen. Neulich habe ich einen Post gelesen, in dem sinngemäß gefragt wurde, ob inzwischen alle nur noch über Haltung schreiben. Das war für mich der Anlass, das Thema einmal sauber einzuordnen. Denn ja, der Begriff taucht häufig auf und deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Wenn wir von Haltung sprechen, geht es nicht um Körperhaltung. Nicht um die Haltung beim Reparieren eines Waschbeckens oder um die Haltung beim Niesen und auch nicht um die Haltung beim Rasen mähen. So banal diese Abgrenzung klingt, sie macht deutlich, wo viele Missverständnisse beginnen.

Haltung beschreibt keine äußere Position, sondern eine innere Klarheit. Sie zeigt sich darin, wofür ich stehe, wofür ich nicht mehr stehe und was ich bereit bin auszusprechen, auch wenn es nicht jedem gefällt.

Mein innerer Kompass ist eng verbunden mit meinen Werten und entscheidet darüber, worüber ich spreche oder lieber nichts sage. Er beeinflusst, mit welchen Themen ich mich auseinandersetze, wie ich reagiere und an welchen Stellen ich bewusst Nähe zulasse oder Abstand halte. Vor allem aber zeigt sich Haltung nicht in wohlklingenden Worten oder Leitbildern. Sie zeigt sich in Entscheidungen. Und oft genau dann, wenn diese Entscheidungen unbequem werden.

Haltung im Alltag – nicht im Leitbild

Haltung zeigt sich nicht dort, wo sie niemanden etwas kostet. Nicht im Leitbild an der Wand und nicht in wohlformulierten Grundsätzen auf der Website. Sie wird im Alltag sichtbar, in Situationen, in denen Entscheidungen gefragt sind und es keine perfekte Lösung gibt.

Zum Beispiel dann, wenn du einen Auftrag ablehnst, weil er nicht zu deinen Werten passt, obwohl er finanziell attraktiv wäre. Oder wenn du offen ansprichst, was nicht gut läuft, statt Probleme zu beschönigen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Haltung zeigt sich auch darin, wie du über Kund:innen, Mitarbeitende oder Mitbewerber sprichst, besonders dann, wenn niemand zuhört oder widerspricht.

In der Arbeitswelt bedeutet Haltung oft, sich nicht hinter Strukturen, Zuständigkeiten oder Floskeln zu verstecken. Sondern Verantwortung zu übernehmen. Für Entscheidungen, Konsequenzen und für den Umgang miteinander.

Gerade in Führungsrollen wird Haltung spürbar, weil sie Orientierung gibt. Mitarbeitende beobachten sehr genau, ob Worte und Handlungen zusammenpassen. Sie merken, ob Klarheit nur eingefordert oder selbst gelebt wird. Und sie spüren, ob Entscheidungen aus Überzeugung getroffen werden oder aus Bequemlichkeit.

Haltung ist deshalb kein theoretisches Konstrukt, sondern eine praktische Haltung zum eigenen Handeln. Sie entscheidet darüber, ob Vertrauen entsteht oder schwindet. Ob Zusammenarbeit trägt oder brüchig wird. Und ob Führung glaubwürdig bleibt, auch wenn es Gegenwind gibt.

Spätestens dann, wenn Entscheidungen unbequem werden, trennt sich Haltung von Anpassung. Genau in diesen Momenten zeigt sich, wofür jemand wirklich steht.

Wenn Haltung nicht theoretisch bleibt

Was Haltung im Alltag bedeutet, lässt sich gut beschreiben. Ob sie wirklich trägt, zeigt sich jedoch erst in Situationen, in denen es kein richtig oder falsch im Lehrbuch gibt, sondern nur eine Entscheidung mit Folgen. Eine solche Situation habe ich in meiner Zeit als Direktorin erlebt. Sie steht stellvertretend für viele Momente, in denen Führung nicht nach Sympathie, sondern nach Werten verlangt.

Eine Entscheidung aus dem Hotelalltag

In einem unserer Hotels hatten wir eine neue Hausdame. Fachlich war sie hervorragend. Sie arbeitete strukturiert, führte ihr Team souverän und war bei den Kolleginnen und Kollegen sehr beliebt, besonders im Housekeeping.

Zur gleichen Zeit beherbergten wir regelmäßig nationale und internationale Fußballmannschaften im Trainingslager. Im Arrangement enthalten waren Übernachtung, Vollverpflegung und das tägliche Waschen der Trainingswäsche und Trikots.

Eines Tages kam der Trainer auf uns zu und berichtete, dass einem Spieler Geld fehlte. Kurz darauf meldeten sich weitere mit demselben Problem. Auffällig war, dass das Geld nicht vollständig verschwand. Stattdessen wurden einzelne Scheine ausgetauscht, etwa ein Hundertmarkschein gegen einen Fünfziger. Die Anzahl der Scheine blieb immer gleich, die Summe stimmte jedoch nicht mehr. Der Diebstahl fiel erst beim genauen Nachzählen auf.

Uns war klar, dass wir äußerst diskret vorgehen mussten. So ein Vorfall durfte auf keinen Fall öffentlich werden. Wir überprüften Abläufe, Dienstpläne und Zugänge. Dabei zeigte sich ein Muster: An den Tagen, an denen die Hausdame nicht im Dienst war, fehlte kein Geld.

Einen direkten Beweis hatten wir nicht – aber die Indizien waren eindeutig.

Wir standen vor einer wichtigen Entscheidung. Fachlich war die Hausdame eine große Bereicherung für unser Haus. Menschlich mochte man sie. Doch unser Werte-Verständnis ließ keinen Spielraum. Wir trennten uns fristgerecht von ihr und baten sie, die Hotelanlage sofort und ohne Aufsehen zu verlassen.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Das gesamte Housekeeping-Team stellte sich geschlossen hinter die Hausdame und drohte, die Arbeit niederzulegen, sollte die Kündigung nicht zurückgenommen werden. Für das Hotel wäre das eine Katastrophe gewesen. Von einem Moment auf den anderen ohne Reinigungskräfte zu sein, bringt jeden Betrieb an seine Grenzen.

Und dennoch war klar, dass wir diese Entscheidung nicht revidieren würden. Nicht aus Härte, sondern aus Überzeugung. Wir ließen uns nicht erpressen.

Was diese Situation über Haltung sagt

Diese Entscheidung war unbequem und sie war emotional, dazu alles andere als populär. Und genau hier zeigt sich Haltung. Nicht darin, es allen recht zu machen. Sondern darin, konsequent zu handeln, wenn Werte verletzt werden.

Inkonsequente Führung öffnet der Mittelmäßigkeit Tür und Tor. Wer dagegen konsequent führt, bekommt nicht immer Zustimmung, aber langfristig Vertrauen. Mitarbeitende spüren sehr genau, ob Regeln nur formuliert oder tatsächlich gelebt werden. Haltung ist deshalb keine Frage des Temperaments, sondern der inneren Klarheit. Sie verlangt Mut zur Unbequemlichkeit und die Bereitschaft, Entscheidungen zu tragen, auch wenn sie Widerstand auslösen.

Solche Situationen lassen sich nicht theoretisch vorbereiten. Sie entstehen im Alltag, im Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Menschen und wirtschaftlichem Druck. Genau dort entscheidet sich, ob Führung glaubwürdig bleibt oder an Substanz verliert.

In meinem Buch Dein Hotel erfolgreich führen beschreibe ich weitere Entscheidungen aus dem Hotelalltag, in denen Haltung wichtiger war als Harmonie. Nicht als Lehrbuch, sondern als ehrliche Einblicke in Momente, in denen Wegsehen keine Option war.

Buchcover DEIN HOTEL ERFOLGREICH FÜHREN von Susanne Bruning / Autorin

Hier bloggt

Susanne Bruning

Expertin für Hotelmanagement

„Ich begleite Privathoteliers die gerade starten oder bereits gestartet sind – mit praktischem Wissen, Struktur und Klarheit.“

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